Fridolin Herkommer ist Program Manager Digital Markets bei der Arbeiterkammer Wien. Lesen Sie das Interview zum Thema Digitalisierung und Arbeitswelt. Erfahren Sie, welche besonderen Herausforderungen sich für (ältere) ArbeitnehmerInnen ergeben.

Digitaler Wandel. Was meinen wir eigentlich damit?
Wenn wir es auf ein Wort zusammenfassen wollen, dann ist das sicher Kommunikation. Wie kommunizieren wir Menschen untereinander und wie spielen da Maschinen etc. rein.

Daneben sind es drei andere Punkte, die Digitalisierung – vor allem mit Blick auf die Arbeitswelt – kennzeichnen: Vernetzung, Geschwindigkeit und Komplexität.

Die erhöhte Komplexität lässt sich gut mit dem Beispiel eines Fernsehers beschreiben. Einen Röhrenfernseher habe ich zwar auch nicht verstanden und aber ich kannte und kenne jemanden der diese Technik noch verstand und auch reparieren konnte. Aber dann schauen wir uns z.B. Algorithmen in der heutigen Computerwelt an. Diese sind so komplex, dass nicht einmal die ProgrammiererInnen, die diese Algorithmen konstruieren, genau wissen, welche Auswirkungen diese haben bzw. Entscheidungen diese treffen, da Algorithmen aufgrund von Daten und Analysen selbst lernen und sich entsprechend weiterentwickeln.

 

Entgleitet uns die Digitalisierung?
Es ist zumindest ein Aspekt, den man zurecht befürchten kann.

Und was bedeutet das nun für die Arbeitswelt. Für Unternehmen aber auch die individuellen Mitarbeitenden?
Diese drei Dinge, Vernetzung, Geschwindigkeit und Komplexität, sagen uns zumindest, dass große Veränderung passiert. Und die Art und Weise wie wir arbeiten verändert sich.

Die Auswirkungen sind umstritten und die Meinungen gehen auseinander. Da gibt es einerseits die Befürchtung, dass uns die Automatisierung die Hälfte der Jobs kostet. Und andererseits die optimistische Herangehensweise, dass es doch toll sei, wenn z. B. krankmachende Jobs wegfallen würden.

Dabei darf man nicht außer Acht lassen, dass derzeit im Rahmen der Technologisierung eine neue Dimension hinzukommt: Wurden bisher eher einfache und sich wiederholende, manuelle Techniken durch neue Technologien ersetzt, erlaubt die Digitalisierung nun zunehmend eine Automatisierung von kognitiven Arbeiten.

 

Welche Jobs sind konkret und unmittelbar von Automatisierung betroffen?
Es gibt meist nicht ganze Berufe, sondern nur einzelne Tätigkeiten die automatisiert werden können. Aber natürlich Hot-Spots, z.B. in der Logistik oder in der Finanzbranche. Wenn sich beispielsweise in der Finanzbranche vieles verschiebt hinzu IT-Mitarbeitenden oder StatistikerInnen, dann muss man sich auch ansehen, welche Auswirkungen das auf Kollektivverträge etc. hat.

Tendenziell glaube ich aber, dass vor allem klassische BackOffice-Jobs von Automatisierung betroffen sind, während hingegen eine Installateurin/ein Installateur wenig Furcht vor dramatischen Veränderungen des Jobs haben muss.

 

Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich daher für (ältere) Arbeitnehmer?
Dieser Wandel muss so gestaltet werden, dass alle eine faire Chance haben mitzukommen, dass bedeutet eingebunden werden, das bedeutet Alternativen haben.

 

Und welche Konsequenzen sollten Ihrer Meinung nach Unternehmen daraus ziehen?
An Betriebe geht der Appell, die Mitarbeitenden mitzunehmen beim Thema Digitalisierung. Und da ist eine zukunftsorientierte Weiterbildung entscheidend. Das ergibt sich schon alleine aus einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Ich kann nicht einfach die gesamte Belegschaft auswechseln – diese neuen Mitarbeiter gibt es nicht am Markt. Von daher muss ein Betrieb schauen: Wie möchte ich mich entwickeln? Und dann in weiterer Folge die Frage stellen: Wie kann ich meine Mitarbeitenden mitnehmen und diese mitentwickeln?

Aus diesem Grund wird auch Mitbestimmung essentiell und wichtiger als bisher. Als Betrieb kann ich die Belegschaft einbinden bei der Frage, wo verstärkte Digitalisierung Sinn macht und wo nicht. Es gilt den Wandel gemeinsam zu gestalten, denn es braucht alle, die Rahmenbedingungen und Infrastruktur des Staats, die Innovationskraft der UnternehmerInnen und die Fähigkeiten, Idee und Umsetzungskraft der MitarbeiterInnen.

 

Kann man Herausforderungen der Digitalisierung auf betrieblicher oder individueller Ebene überhaupt alleine lösen?
Jeder muss es auf seiner Ebene und dann gemeinsam lösen. Wir müssen es natürlich auf politischer Ebene ebenfalls lösen. Aber genauso muss es jeder Betrieb lösen und alle einzelnen Mitarbeitenden. Wenn man es von überall angeht, kann es auch gelingen.

                     

Sie haben bei einer Präsentation einmal ein Bild mit einer Toilette und eines Smartphones gezeigt. Was wollten Sie den TeilnehmerInnen damit sagen?
Dabei beziehe ich mich auf Robert Gordon , der die Meinung vertritt, dass das 19. Jahrhundert ein Ausreißer an Innovation war und dass die Innovationskurve abflacht. Der Grund: wir kreieren nichts grundlegend Neues mehr. Das Beispiel Luftfahrt dient dazu gut: Klar sind Turbinen und einzelne Teile heute vielleicht ausgeklügelter als vor 50 Jahren. Aber es hat sich nichts daran geändert, wie grundsätzlich ein Flugzeug fliegt. Und das wollte ich mit Smartphone und Toilette demonstrieren: diese Weiterentwicklung im Hygiene-Bereich war sicher eine größere Entwicklung als das Smartphone, das im Grunde bestehende Möglichkeiten (Telefonie, Fotografie…) „nur“ weiterentwickelt und verbunden hat. Daraus stellt sich dann auch die Frage ob die Digitalisierung tatsächlich solch wunderbaren Produktivitätssteigerungen bringen wird, wie sie erwartet werden.

 

Durch viele Stimmen wird eine gewisse „Furcht vor Digitalisierung“ verbreitet. Können all die Entwicklungen nicht auch eine große Chance für Menschen sein? Zum Beispiel ein Riesengewinn an Freizeit?
Absolut! Aber nur, wenn wir es richtigmachen und die Verteilungsfrage gelingt. Arbeit geht nie aus, davon bin ich überzeugt. Und natürlich wäre es eine gute Sache, wenn wenig sinnstiftende oder krankmachende Tätigkeiten wegfallen würden. Und dann kann man sich ja anschauen, wo wir Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften haben; beispielsweise in sozialen Bereichen wie Lehr- und Gesundheitsberufe . Das wäre auch ein Arbeitsfeld wo Roboter Menschen nicht so leicht ersetzen können, wo Menschen aufgrund der Empathiefähigkeit einen Vorteil haben. Die Frage ist nur ob es für diese Tätigkeiten auch eine ähnlich gute Bezahlung wie für heutige Industriejobs gibt.

 

Fridolin Herkommer
AK Wien | Program Manager Digital Markets – Economic and Labour Policy

Fonds Arbeit 4.0.
Die Arbeiterkammern starten ab Jänner 2019 den AK Projektfonds Arbeit 4.0. Dieser Fonds richtet sich an Mitarbeitende und möchte Ideen fördern, wo digitale Techniken zum Einsatz kommen um die Arbeitsgestaltung zu verbessern. Weitere Informationen und Projekt-Einreichung: LINK.

Das Interview führte Florian Groiss.


Fridolin Herkommer
AK Wien | Program Manager Digital Markets – Economic and Labour Policy

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